Höhlenbewohner

Der Höhlenbewohner – Die Mutter aller Magazine (oder so …)

Think big!

Wie genau der Übergang von En Force zum Höhlenbewohner zustande kam, vermag ich nach all den Jahren nicht mehr präzise und lückenlos nachzuvollziehen. Ich denke, es war ein schleichender Prozess, der durch den stetig wachsenden Aufwand ausgelöst wurde, ein eigenes gedrucktes Fanzine am Leben zu halten. Hinzu kamen gewisse interne Unstimmigkeiten bei En Force, die zunehmend mehr Ressourcen zu binden begannen.

Dafür erinnere ich mich umso klarer an den „First Contact“ mit dem späteren Höhlenbewohner-Chef Joe, eine Begegnung, die einen nicht zu unterschätzenden medialen Stein ins Rollen bringen sollte. Mein En-Force-Kollege Clemens und ich waren damals wieder einmal unterwegs, um die frohe Metal-Botschaft in Form halboffizieller Plakate unter die Leute zu bringen, als wir zufällig auf eine von Joe Birrer geführte Heavy-Bar stiessen. Die genannte Lokalität lag direkt neben dem Kino Capitol in Luzern und Joe war mir damals noch völlig unbekannt. Es war zunächst eine lockere Begegnung, aus der sich jedoch weit mehr entwickeln sollte.

Ob meine damalige militärische Weiterbildung zum Unteroffizier bei dieser Transition weg von der alleinigen Eigenproduktion eine Rolle spielte? Wer weiss … Fest steht jedenfalls, dass in den ersten Ausgaben des „Höhlenbewohners” gleich mehrere – ich nenne sie mal sehr selbstbewusst – legendäre Interviews mit damaligen Rock-Grössen wie Kip Winger, Chris DeGarmo von Queensrÿche oder Matthias Jabs und Klaus Meine von den Scorpions („Der Skorpion hat seinen Stachel verloren” – ein Zitat, das insbesondere bei Klaus heftig aufstiess und ihn zur regen Beteiligung am Gespräch animierte) erschienen.

Ist Rob schwul?

Rückblickend war die Mitarbeit beim Höhli – damals das grösste oder (je nach Lesart) zweitgrösste Musikmagazin der Schweiz – eine live erlebte Achterbahn der Gefühle. Es bescherte mir unvergessliche Momente wie den Besuch der Eröffnungsshow von Michael Jacksons Welttournee in München (aus dem Fotograben heraus) oder ein eindrucksvolles Interview mit Richard Marx, in dem er unter anderem sagte: „Dieses krebskranke Mädchen hatte mehr Lebenswillen in sich, als ich wohl je haben werde.“ Ein wahrlich beeindruckender Moment. Doch es gab auch Schattenseiten: Manche meiner Texte erlebten ohne mein Wissen gewisse Veränderungen. So wurde etwa bei einem wirklich tollen Interview mit Glenn Tipton und K. K. Downing von Judas Priest – in dem es auch um den Suizid eines Fans im Zusammenhang mit „Better By You, Better Than Me“ ging – dieser Teil weggelassen und durch die fiktive Frage „Ist Rob schwul?“ ersetzt. Solche Eingriffe taten weh – und sie begannen, einen feinen Riss in dieses eigentlich tolle und bereichernde Zusammenarbeit zu treiben.

Zu jener Zeit war ich fast jedes Wochenende bei Joe zu Hause (im Höhlenbewohner-Headquartier :)), um mit dem Chefredakteur der „Mutter aller Musik- und Filmmagazine“ redaktionelle Dinge zu besprechen und über die Grundausrichtung des Magazins zu philosophieren. Zwar lag die operative Ausrichtung klar in seiner Hand, doch bestimmten wir gemeinsam für eine Weile den Kurs des Magazins.

Fuck you!

Ein weiteres prägendes Erlebnis war das Treffen mit Nikki Sixx. Gerade noch mit einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet, musste sich der Bassist und Gründer von Mötley Crüe meine Frage gefallen lassen, ob zu Beginn ihrer Karriere möglicherweise auch andere Faktoren – wie die glamouröse Aufmachung der Band – ihren rasanten Aufstieg beeinflusst hätten. Nikki stand auf, verliess kurz die Umkleidekabine, in der das Interview stattfand, kehrte zurück und sagte nur: „Ok, let’s start again.“ In meiner grenzenlosen Naivität – eine meiner besonderen Stärken – glaubte ich, er habe draussen noch etwas klären müssen und wolle nun mit frischem Elan loslegen. Also stellte ich die Frage erneut. Keine gute Idee. Nikki quittierte diese Majestätsbeleidigung mit einem herzhaften „Fuck you!“ und spuckte mir zur bildlichen Unterstreichung seiner Meinung direkt vor die Füsse. Kein Moment, an den ich gerne zurückdenke – aber er führte immerhin zu einem durchaus lesenswerten Artikel.

Leider spitzten sich die bereits angedeuteten „redaktionellen Differenzen” (siehe Judas Priest) weiter zu. So kam irgendwann der Punkt, an dem ich – trotz all der grossartigen, prägenden und erfüllenden Erfahrungen – das Handtuch warf. Ein schmerzhafter, aber notwendiger Schritt, um mir morgens noch in die Augen schauen zu können. Und einer, der mich – viel, viel später – zu Metalinside.ch führen sollte.

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