EN-FORCE

EN FORCE – oder die vorweggenommene Umkrempelung der Musikindustrie

Manchmal sind es die skurrilen Zufälle im Leben, die den entscheidenden Impuls in eine bestimmte Richtung geben. So auch am 8. Oktober 1987 – wobei das genaue Datum möglicherweise so nicht genau stimmt. Es waren Herbstferien, ich lag auf meinem Bett und las die Bravo (das „Ich gestehe“ könnt ihr euch an dieser Stelle gerne dazu denken).

Eine Leserin fragte, ob es von Bon Jovi, der ersten Band, die ich je live als Headliner gesehen hatte (Vorgruppe: die aus Seattle stammenden Queensrÿche – ein Detail, das später noch von Bedeutung sein sollte),besagter Truppe einen Song namens „Borderline” gäbe. Die allwissende Redaktion des auflagenstärksten Aufklärungsmagazins im deutschsprachigen Raum verkündete, dass zwar Pop-Göttin Madonna – sowie ein weiterer Künstler, dessen Name mir leider entfallen ist – ein Liedchen mit ebendiesem Namen geträllert hätten, aber sicher nicht die Truppe rund um Namensgeber Sänger und Namensspender Jon Bongiovi.

Eine fundiert klingende Aussage – blöd nur, dass ausgerechnet in diesem Moment genau dieser Track von eben dieser Truppe aus meiner Stereoanlage schallte. Als doppelter Steinbock liess ein innerliches „WTF” beziehungsweise ein wegweisendes „Was die können, kann ich schon lange – und definitiv besser!” nicht lange auf sich warten. So entstand auf einer alten, klapprigen Hermes-Schreibmaschine (wer erinnert sich noch an Tipp-Ex?) der erste, noch wacklige Versuch eines Metal-Fanzines. Eine kleine Eigenproduktion, die sich später als Vorläufer zahlreicher mit Herzblut erstellter Fanzines erweisen sollte. Quasi eine Art Winkelried der gedruckten, stromgitarrenfreundlichen Zunft, um es mal so zu nennen. Doch bis dahin sollte es noch ein weiter Weg sein.

Nullnummer – and beyond

Zunächst hiess es, für die ersten Ausgaben – bei der Nullnummer noch unter dem Namen „Harder Faster“, der ob der etwas zu amerikanischen Betonung einiger Leser alsbald in „En Force“ umbenannt wurde (Queensrÿche lassen grüssen) – genügend Content zusammenzutragen. Diverse Plattenkritiken, ein TV-Beitrag über Bands in Russland (den ich eifrig mitschrieb und entsprechend adaptierte), die Zusendung einer Schallplatte der finnischen Band Zero Nine durch eine Austauschschülerin sowie diverse Mitgliedschaften in Fanclubs metallisch angehauchter Bands, die ich zu einem „Der grosse Fanclub-Test“-Artikel zusammenfasste, lieferten den Grundstock, aus dem die wahnwitzige Eigenproduktion ihre Flügel zu entfalten begann. Anfangs noch am Kopierer meiner Schule vervielfältigt, wagte ich so die ersten Schritte als selbstständiger Redakteur und Herausgeber – ein ganz besonderes Gefühl, um es vorsichtig auszudrücken.

Die nächsten grossen Meilensteine waren eine elektronische Schreibmaschine der Marke „Brother” sowie mein erstes Interview, das ich am 29.10.1988 mit der damals bereits enorm angesagten Band Helloween führte. Wobei dieser Geschichte – wen wundert’s – natürlich wieder eine leicht abenteuerliche vorausgegangen war. Die hanseatischen Kürbisköpfe kommen in die Schweiz? Was sprach dagegen, mit ihnen ein informatives Gespräch zu führen? Genre-Kollegen wie der damals schon übergrosse „Metal Hammer“ oder die Jungs von „Breakout“ hatten damit ja auch keine Probleme. Also setzte ich kurz vor Antritt meiner Matura-Reise nach Wien einen netten Brief an das Management der Herren auf – um dann umso erstaunter bzw. erfreuter einen Brief resp. positiven Bescheid von Limb Schnoor, Manager der Hanseaten, in den Händen zu halten. Hatte ich bereits erwähnt, dass mir im Vorfeld meiner zugegebenermassen etwas optimistischen Idee diverse Stimmen prognostiziert hatten, dass daraus garantiert nichts werden könne? Nun, Zuhören scheint noch nie eine meiner grössten Stärken gewesen zu sein 😉

So kam es schliesslich zu meinem allerersten Interview in der Eulachhalle in Winterthur – und es sollten noch viele weitere solcher Erlebnisse folgen. Eine Pressekonferenz mit Bon Jovi auf ihrer „New Jersey“-Tour? Gerne! Lockere Gespräche mit illustren Persönlichkeiten wie Bruce Dickinson (Iron Maiden), Anthrax (just an dem Tag, als auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China die Panzer auffuhren – ein denkwürdiges Treffen), Yngwie J. Malmsteen (leicht angeheitert – wer mag es ihm verübeln?), oder John Dommen und Patrick Mason von China. Bei unserem Gespräch wurden so ziemlich alle später in diversen Magazinen abgefackelten Themen angeschnitten – durch ein langwieriges Joint-Venture mit dem „Newcomer“, das schlussendlich aber nicht zustande kam, ging die Exklusivität leider flöten. Die Realität kann schon ein ziemlicher Arsch sein.

Lehrgeld – auf beiden Seiten

Mit der wachsenden Popularität gingen diverse Veränderungen im internen Setup einher: So wurde der schulische Kopierer durch die professionellen Offset-Druckdienste der in Luzern ansässigen Firma „Gegendruck“ ersetzt und zwei Fotografen verstärkten fortan das aufstrebende Hobby-Unternehmen En Force. Dass grössere Bekanntheit auch wachsende Kosten (sowie Verantwortung) mit sich bringt, bedarf wohl keiner überschwänglichen Erklärung – und so entstand die (zugegebenermassen depperte, aber damals aus reiner Naivität heraus geborene) Idee, die bei den Konzerten geschossenen Fotos in die wachsenden Kosten zu reinvestieren. Ich wiederhole mich gerne: KEINE gute Idee! Relativ schnell schlug daraufhin U. W. von Good News telefonisch bei mir auf und machte mir sehr deutlich klar, dass dies unsere Zusammenarbeit trüben könnte. Das war hartes Lehrgeld, das ich erst einmal verarbeiten musste, mich persönlich aber auch stärkte und formte. Erfahrungen, die man nur macht, wenn man den harten Gegenwind nicht scheut.

Lernen mussten nebst mir aber auch die etablierten Schweizer Plattenfirmen, die sich vor dem Einstieg von En Force primär mit grossen Zeitungen wie dem Blick (hier schätzte ich ganz speziell die auf Augenhöhe stattfindende Zusammenarbeit mit Peter Wolf) oder der etablierten „Musicscene“ auseinanderzusetzen gewohnt waren. Tja, und dann hielt ein Regel-abstinenter Nobody im musikalischen Haifischbecken Einzug und war bereit, auch die kleineren Bands, die von den etablierten Printmedien gerne links liegen gelassen wurden, zu beackern. Xenia von Sony Music Schweiz erzählte mir einmal, dass bei einer Redaktionssitzung überlegt wurde, wer sich um eine ihrer unbekannteren Bands kümmern könnte. Es fiel der Name „En Force“, worauf kurz Gelächter folgte – das allerdings rasch einem „okay, passt“ wich. Es war ein damals wohl eher unbedeutender Anfang einer Veränderung, die in der Folge durch MP3s und Streaming noch weitaus härter in das Gefüge der Musikindustrie eingreifen sollte.

Generell waren die späten 80er und frühen 90er Jahre eine Zeit, die wohl nie wiederkehren wird. Es war ein goldenes Zeitalter der Musikbranche, in dem die Trauben nicht hoch genug hängen konnten. Ich erinnere mich an einen Anruf von Sony Music, ob ich Lust und Zeit hätte, für das Jugendmagazin Musenalp Express, das in so ziemlich jeder Schule auslag, einen Bericht über die New Kids on the Block zu schreiben. Das war nicht unbedingt mein Kernbusiness, aber da ich schon immer für diverse Musikstile offen war, sagte ich zu. Im Gesamtpaket enthalten waren neben dem Besuch des Konzerts der smarten Boys (60 Minuten bei Tageslicht in der ausverkauften Münchner Olympiahalle, wie ich vor Ort feststellen durfte) ein Flug in der Business Class der Lufthansa sowie eine Übernachtung in der Suite eines 5-Sterne-Hotels in bester Lage. Geld spielte damals in der Tat keine Rolle.

Wandel steht ins Haus

Alles in allem durfte ich während – was waren es? – vier Jahren eine mehr als nur tolle Zeit im Fahrtwasser der musizierenden Weltstars miterleben. Doch irgendwann wurde der Aufwand, ein eigenes Druckerzeugnis mit all seinen Begleiterscheinungen zu stemmen, schlicht zu gross. Und wieder einmal kam mir eine zufällige Gegebenheit zu Hilfe, die mich einerseits entlastete, mir andererseits aber auch neue Wege und Türen öffnete. Bye En Force (auch wenn es sehr wehgetan hat), hallo Höhlenbewohner!

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